Lutz Boede
43 Jahre alt, glücklich geschieden, lebe seit 1984 in Potsdam. Bin bei Die Andere kommunalpolitisch aktiv und in vielen anderen Initiativen Mitglied. Ich freue mich, dass wir uns hier heute kennenlernen und begrüße die Piraten Potsdam. Wir haben ja lange mal auf Lebenszeichen gewartet. Es gibt hier eine Menge zu tun.
Marek Thutewohl
45 Jahre, lebe auch seit 1984 in Potsdam, bin fest liiert, aber nicht verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Bin seit 2009 Mitglied bei den Piraten, seit September 2009 Kreisverbandsvorsitzender des Stadtverbands der Piratenpartei Potsdam und ich bin hier freundlichst genötigt worden, mit anzutreten.
Jens Dörschel
Ich sitze hier in Vertretung für Marie Luise von Halem, die der Kreisverband von Bündis90/Die Grünen in Potsdam zur Oberbürgermeisterkandidatin gekürt hat. Marie Luise von Halem ist 47 Jahre alt, geschieden und hat zwei ungefähr erwachsene Kinder (17 und 19 Jahre). Sie ist Mitglied des brandenburgischen Landtags, parlamentarische Geschäftsführerin und stellvertretende Vorsitzende der bündnisgrünen Landtagsfraktion. Vorher war sie Stadtverordnete in Potsdam und zehn Jahre lang Landesgeschäftsführerin von B90/Die Grünen in Brandenburg. Marie Luise von Halem wohnt seit Ende der 90er Jahre in Potsdam. Von Beruf her ist sie ursprünglich Germanistin, im Nebenberuf immer (noch) Übersetzerin für Isländisch gewesen und damit sogar vor Gericht zugelassen.
Christian Schönauer
Ich bin 58 Jahre alt und gebürtiger Berliner. Habe verschiedene Berufe ausgeübt, angefangen als Augenoptiker. Hauptsächliches Berufsleben in Westberlin, in München und im Ausland verbracht. Ich hab immer Journalistik betrieben. Das mach ich heute noch, weil ich schwerbehindert und Frührentner bin und ich sag mal so, mein Leben weitestgehend gelebt habe, berufsbezogen, und mich deshalb auch um politische und gesellschaftliche Dinge kümmern kann. Lebe seit 2007 in Potsdam. Habe nebenbei im Abendstudium in München Betriebswirtschaft studiert. Habe mich immer engagiert, hier in Potsdam zum Beispiel für Kulturstiftung Kurt Bode II. Diese Stiftung liegt mir deshalb am Herzen, weil es dort um die Förderung von Jugendlichen geht, die sich nicht leisten können, zum Beispiel Klavierunterricht oder Theater zu lernen. Außerdem engagiere ich mich einmal pro Woche in einem Kindergarten der AWO. Das alles ehrenamtlich, weil mir das Spaß macht und nebenbei mach ich noch mein Journalismus.
Lutz Boede
Meine Unabhängigkeit. Das politische Lager in Potsdam hat sich darauf verständigt, ein verfilztes Knäuel zu bilden und sozusagen keine Probleme zu lösen, sondern Interessen miteinander durchzusetzen. Oftmals sind politische Gremien der kleinste gemeinsame Nenner, damit man das, was vorhanden ist, untereinander, unter der eigenen Klientel verteilt. Beispiel Stadtwerkefest: Die Grünen sind zwar für Re-Kommunalisierung, aber sitzen mit der FDP in einer Koalition und sorgen dafür, dass alles so weitergeht. Die Gruppen sind nicht unabhängig, sondern haben sich in dieser Rathauskooperation zusammengeschlossen, um der Verwaltung eine Mehrheit zu verschaffen. Unabhängigkeit von der Verwaltung ist die wichtigste Eigenschaft, die ein Bürgermeisterkandidat haben sollte. Bei den bestehenden Kandidaten gibt es hier keine Auswahl. Nachfrage nach weiteren drei Eigenschaften: Bin recht offen für neue Ideen, was weiß ich, suchen Sie sich was aus...
Marek Thutewohl
Werd mal die Kriterien von oben nach unten durchgehen: Bürgernah weiß ich jetzt nicht, also ich bin Bürger dieser Stadt und habe in meinem bisherigen Leben noch kein größeres politisches Amt bekleidet, außer dass ich eben seit vorigem Jahr Stadtverbandsvorsitzender bin. Ich bin nicht in irgendeiner Art und Weise von der Wirtschaft abhängig oder von irgendwelcher Klientel oder von irgendwelchem Klüngel. Ich kenn den Kölschen Klüngel, weil ich ein paar Jahre auch mal in Köln gearbeitet habe und habe feststellen müssen, dass in Potsdam der Klüngel ähnlich läuft. Es wäre mein Bestreben, dass man das in irgendeiner Art und Weise unterbinden kann. Familien- und jugendfreundlich - gut, ich bin Fahrlehrer von Beruf, da bleibt das nicht aus, dass man auch familien- und jugendfreundlich ist. Ich denke, dass ich auch mit der Jugend noch ganz gut umgehen kann, dafür bin ich auch noch nicht zu alt. Und ansonsten interessiert mich weniger, was Politiker möchten, mich interessiert, was möchten die Potsdamer selbst und ich denke, da sind die Probleme ein bisschen anders gewichtet, als das was die Politiker gerne hätten, Stichwort: Stadtschloss und Brückenbau für Straßenbahnen anstatt für Straßen; also da hätte ich schon ein paar schöne Ideen...
Jens Dörschel
Als Mutter zweier erwachsener Kinder bzw. Jugendlicher ist Marie Luise von Halem mit Sicherheit familien- und jugendfreundlich. Sie hat Erfahrungen mit Kitas, den Potsdamer Schulen, Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche... Das kann sie alles sehr gut beurteilen. Unbestechlich ist sie auf jeden Fall, ich kenn sie seit über zehn Jahren. Genauso selbstverständlich ist für sie Ehrlichkeit. Zukunftsorientiert: Von den politischen Ansätzen her trifft das auf jeden Fall zu. Beispiel nachhaltige Lösungen im Klimaschutz.
Christian Schönauer
Bürgernah, ja. Familien- und jugendfreundlich, da schließe ich mich den anderen Herrschaften an: Ich war verheiratet, habe eine große Tochter, die mittlerweile selbst verheiratet ist. Familienfreundlich auch deswegen, weil, das sagte ich bereits, ich ehrenamtlich in einer Kita arbeite. Was die Kompetenz angeht: Ich habe viele Jahre in der Wirtschaft gearbeitet, auch international. Vor meiner Berufsunfähigkeit habe ich eine Presse- und Werbeagentur gehabt, die in den fünf Jahren, in denen ich sie aufgebaut habe, doch relativ erfolgreich gewesen ist. Verwaltungserfahrung: Jetzt was direkt mit Verwaltung zu tun hat, nicht. Aber da firmentechnisch geleitet, habe ich eine gewisse Erfahrung mit Menschen. Ich habe in einem großen japanischen Konzern als Betriebsrat gearbeitet. Eigentlich widerwillig, da kein so großer Gewerkschaftsfan, aber dort schon, weil Verträge der Mitarbeiter auf miserabelste Weise unterlaufen worden sind in diesem Konzern. Und wir haben es nach langem Hin und Her geschafft, das zu ändern, was mich allerdings meinen Kopf gekostet hat... Zukunftsorientiert: Das Verwaltungs- und Tourismusmanagement läuft in Potsdam zur Zeit nicht gut. Als Beispiel: Der Umgang mit den sieben Partnerstädten ist mehr als dürftig. Das ist ein ganz wichtiges Anliegen, das auch nicht viel Geld kostet.
Christian Schönauer:
Ich glaube, dass ich ein sehr kommunikativer Mensch bin, das haben meine Berufe immer mit sich gebracht. Ich habe, das hab ich ganz vergessen, als Dozent hier in Potsdam gearbeitet bei der Jüdischen Volkshochschule, auch ehrenamtlich. Ich behaupte einfach mal, dass ich gut Dinge nach außen repräsentieren kann. Ich gebe keine ausweichenden Antworten von mir wie z.B. Platzeck oder Scharfenberg oder Jacobs, wenn man sie fragt: Wie wollen Sie dieses Bundesland oder diese Stadt von dem Schuldenberg von rund 19 Milliarden Euro - das sind runtergebrochen auf Potsdam (150.000 Einwohner) schlappe 7.000 Euro, die jeder von Ihnen als Schuldenberg sowieso mit sich herumträgt - befreien? Die Antwort sind sie schuldig geblieben. Das halte ich für wichtig, dass dieses Land hier von den enormen Schulden runterkommt.
Jens Dörschel
Verwaltungserfahrung im engeren Sinne hat Frau von Halem nicht - das sieht die Kommunalverfassung auch nicht so vor -, weil sie ganz normal beruflich gearbeitet hat. Politikmanagement macht sie aber seit Jahren, schon vor ihrer Arbeit in der Landtagsfraktion. Sie kann mit politischen Inhalten umgehen, Entscheidungen vorbereiten und diese kommunizieren. Ein Oberbürgermeister ist ja sowohl Verwaltungschef als auch politischer Beamter. Allerdings haben die meisten der antretenden Kandidaten diese Verwaltungserfahrung nicht.
Marek Thutewohl
Verwaltungserfahrung habe ich auch nicht, großartige politische Erfahrung habe ich auch nicht. Ich denke aber auch nicht, dass das das große Problem eines OB ist. Dafür gibt es eine Menge Fachbereiche. Die Verwaltung so gut aufgebläht, dass es da keine Probleme geben sollte. Die Aufgabe des OB ist es, das zu koordinieren und zu überwachen. Mit den langen Arbeitszeiten, die das Amt erfordert, habe ich persönlich keine Probleme: Mein Arbeitstag geht von morgens um 8 bis abends um 8, manchmal auch bis nachts um 1 Uhr. Und selbst nachts um eins muss man noch voll konzentriert im Auto sitzen und kann nicht einschlafen. Ob ich kommunikativ bin, müssen die Leute einschätzen, die mich kennen. Meine Hauptantriebsfeder für die Kandidatur ist, dass mir Potsdam sehr am Herzen liegt, dass ich Potsdam schon immer und wahrscheinlich für alle Ewigkeit für die schönste Stadt der Welt halte und das auch gerne so weiterhalten würde, das soll auch die schönste Stadt bleiben. Im Moment wird, meiner Meinung nach, von einigen Seiten versucht, die Stadt zu verhunzen, um das mal vorsichtig auszudrücken. Da kann man an manchen Stellen aber bestimmt noch gegensteuern. Ich finde es bedenklich, dass grundsätzlich alle Bauten, die in 70er, 80er Jahren gebaut wurden, ersetzt werden durch moderne Glas- und Betonbauten, was die Stadt nicht unbedingt schöner macht. Ich halte es für überflüssig, viel Geld dafür auszugeben, um funktionale und funktionierende Bauten abzureißen und durch neue funktionale und funktionierende Bauten zu ersetzen, das ist meiner Meinung nach einfach Geldverschwendung.
Lutz Boede
Das nehme ich ganz anders wahr, nämlich, dass alle funktionalen Bauten abgerissen und durch barocke Attrappen ersetzt werden. Das ist allerdings auch Geldverschwendung. Ich denke, Verwaltungserfahrung braucht man nicht zwingend, wenn man für so ein Amt kandidiert. Wichtiger ist, dass man Erfahrung MIT der Verwaltung hat und eine gesunde Abneigung dagegen entwickelt hat, bestimmte Dinge, die sich eingespielt haben... mit dieser bestimmten Tradition zu brechen. Beispiel: Der Sanierungsauftakt des Karl-Liebknecht-Stadions. Das war nur Inszenierung, passiert ist seit dem symbolischem Abriss nix. Ein OB sollte nicht nur in der Öffentlichkeit baden, sondern lieber Entscheidungsprozesse in der Verwaltung organisieren. Zum Beispiel ein System für die städtischen Betriebe entwickeln, wo die Leute mitreden können. Die Andere hat zum Beispiel ein Konzept dazu vorgelegt, dass die Kundenbindung im 21. Jahrhundert dadurch hergestellt werden kann, dass die Kunden der EBB [Erdwärme Berlin-Brandenburg GmbH, Anm. d. Red.] mitentscheiden können, wo die Sponsorengelder hinfließen. Für solche Sachen ist ein Oberbürgermeister Mitglied in diesen Gremien, ist Gesellschaftsvertreter im Aufsichtsrat, ist sozusagen Eigentümervertreter dieses Betriebes und solche Prozesse hat ein OB anzustoßen. Dafür ist er, denk ich, gewählt.
Jens Dörschel
Als erstes, das ist relativ klar, wird von uns das Klimaschutzkonzept für Potsdam vorgestellt und ich denke, das wäre für eine bündnisgrüne Oberbürgermeisterin auf jeden Fall die erste Aufgabe: Die Umsetzung dieses Klimaschutzkonzeptes einzuleiten. Als Nächstes dann die Fortführung der Umsetzung des Radwegekonzeptes. Die Umsetzung des Stadtentwicklungskonzeptes: Wir brauchen in Potsdam auf jeden Fall neuen Wohnraum, um auch dem Ölpreisanstieg etwas entgegensetzen zu können. Dann die Umsetzung der Qualitätskriterien, die das Kita-Qualitätsforum erarbeitet hat, um die Erziehung in den Potsdamer Kitas zu verbessern. Das wären so die Schwerpunkte.
Christian Schönauer
Unter Infrastruktur verstehe ich auch die ganze Bürokratie, die damit zusammenhängt. Da wird seit Jahr und Tag viel gesprochen. Nur, die pikanten Stellen hier in Potsdam, - das sag ich, weil ich nicht nur Fußgänger, sondern auch Rad- und Autofahrer bin - da fällt mir so allerlei jeden Tag auf, vor allem ein Hauptpunkt, der so gefährlich ist, dass es kaum noch zu überbieten ist: In der Zeppelinstraße beginnend von der Geschwister-Scholl-Straße bis fast zur Kastanienallee runter, da haben Sie Richtung stadtauswärts einen Rad- und Fußweg, der überhaupt nicht richtig gekennzeichnet ist. Da sagen ihn zwar die Leute vom Baudezernat, da seien ja Schilder da, die würde jeder sehen, aber es ist höchstgradig gefährlich für Ältere, für Kinder, egal für welche Fußgänger, die vor Radfahrern hier zur Seite springen müssen. Die Rücksichtslosigkeit, die zu einem nicht unbeträchtlichem Teil in dieser Stadt von Fahrradfahrern stattfindet, die finde ich nicht mehr akzeptabel. Dass diese Fahrradwege, da geb ich Herrn Dörschel Recht, besser und sicherer gemacht werden, wäre auch ein Hauptanliegen von mir. Aber parallel dazu, was ich gerade mit Bürokratie meinte, dass man den Maulkorberlass, so bezeichne ich das immer, den die Verantwortlichen in den unteren Etagen haben, dass dieser Maulkorberlass abgeschafft wird. Ich kenne keine Stadt in Deutschland, weder Leipzig noch Dresden noch Rostock noch Düsseldorf, Hamburg oder Bremen, wo ein Abteilungsleiter, wenn Sie den als Journalist oder Bürger etwas fragen, Sie immer an die Presseabteilung verweist. Und die können's gar nicht richtig beantworten. Das ist zum Beispiel ein Punkt, der geht nicht. Das ist eine Bürokratieverquarzung, die hier stattfindet, die ist einfach unglaublich. Das hab ich noch nirgendwo erlebt.
Lutz Boede
Also die wichtigsten Probleme, die ich sehe, liegen im Bereich Wohnen. Es gibt kaum noch bezahlbaren Wohnraum in Potsdam. Wenn die Stadt selbst saniert, werden nicht einmal die Fördermittel in Anspruch genommen, bloß damit z.B. in Babelsberg die Pro Potsdam [Unternehmensverbund PRO POTSDAM GmbH, Anm. d. Redaktion] die Gelegenheit hat, ohne Mietpreisbindung die Wohnungen später teurer zu vermieten. Wenn die Stadt Potsdam selbst Mietpreise von 8,60 Euro pro Quadratmeter im günstig sanierten Altbaubestand anstrebt, dann beginnt auch irgendwann eine Kritik an einem Herrn Kirsch langsam unglaubwürdig zu werden. Also da müsste dringend was passieren. Ich denke, wir brauchen mindestens noch eine Art zweites Studentendorf in Potsdam, und zwar sehr kurzfristig. Wir benötigen in Potsdam den Ankauf von Belegungsrechten von Privaten in allen Stadtteilen, damit man Leute mit weniger Geld auch in allen Stadtteilen unterbringen bzw. Wohnungen zuweisen kann. Und wir benötigen natürlich eine Wohnungsbaugesellschaft, die ihre Überschüsse, die sie aus der Vermietung erzielt, wieder in sozialen Wohnraum steckt. Potsdam verlangt vom Land immer, dass es ein soziales Wohnungsbauprogramm auflegt kann man ja machen, aber es ist nicht besonders glaubhaft, wenn die Stadt sozusagen selbst Gewinne macht mit der Vermietung von Wohnungen und damit den Profisport fördert, wie es derzeit der Fall ist. Also solche Sachen finde ich indiskutabel. Wenn man ernsthaft billigen Wohnraum schaffen will, kostet das Geld, das ist klar, und da muss man sehen, wo man es herholt. Wir haben eine Menge an Repräsentativbauten, wo eine Menge Geld gespart werden kann. Wenn ich überlege: Das 5 Millionen teure Garnisonkirchengrundstück wird der Aufbaugesellschaft dort umsonst überlassen und Ähnliches, also da gibt es schon Einsparpotential. Potsdam ist eine reiche Stadt und da gibt es Möglichkeiten, preiswerten Wohnraum zu schaffen.
Die zweite Sache, und da kann man sogar Geld verdienen, ist die Kommunalisierung der städtischen Betriebe. Es ist für mich nicht einzusehen, warum wir einen privaten Mitgesellschafter haben. Zum Beispiel in der EBP (?), in der sozusagen ein Drittel des Gewinnes eines wirklich florierenden Strommarktes abgezogen wird. Da könnte die Stadt auch mehr Geld verdienen, das dann natürlich auch verteilt werden kann. Dieser private Mitgesellschafter führt auch dazu, dass die Stadtverordneten keine vernünftigen Auskünfte bekommen, weil die sich immer auf die Interessen des privaten Mitgesellschafters berufen. Das führt dazu, dass die Bürger nicht mitentscheiden können und und und. Wir sind dafür, diese Betriebe wieder vollkommen unter städtische Kontrolle zu bekommen und für die Mitbestimmung der Bürger zu öffnen. Wenn es zum Beispiel ein Bepunktungssystem gibt, wo jeder mit seiner Stromrechnung einen Votingzettel bekommt, wo man abstimmen kann, wofür die Sponsoringgelder und Gewinne ausgegeben werden können, wäre das für viele Bürger oder auch Vereine attraktiv.
Und ein weiteres großes Problem in der Stadt ist der öffentliche Personennahverkehr. Wir sind eine Stadt am Wasser, die begrenzte Hafenübergänge hat, wo man nicht versuchen sollte, in noch weniger Zeit noch mehr Autos durch die Stadt zu quetschen, sondern wo man vernünftige Alternativen schaffen muss. Dieser dritte Hafenübergang, der jetzt vorbereitet wird, ist für uns überhaupt keine Lösung. Da geht es um eine Entlastung von etwa zehn Prozent, die nötig ist. Die kann man auch über einen Ausbau des ÖPNV erreichen. Wir haben das mal durchgerechnet. Man könnte durch einen Nulltarif sehr viel Geld sparen. Es kostet also kein Geld, sondern man kann damit viel sparen und zwar 60 Millionen Euro im Jahr. Das Problem ist nur, dass die nicht alle im Stadthaushalt ankommen, sondern im Bund und im Land und bei Privaten und da muss man Umverteilung vornehmen im Haushalt und man muss schrittweise die Nutzung des ÖPNV fördern und danach die Mittel, die man vorher für den Straßenausbau ausgegeben hat, schrittweise in den ÖPNV umlagern. Wir haben da ein ganz umfangreiches Konzept ausgearbeitet. Das ist meines Erachtens eines der wichtigsten Themen, weil es die Lebensqualität in der Stadt wie kein anderes Thema beeinflusst. In der Stadt sind etwas 60, 70 Prozent aller Bürgerinitiativen zum Thema Verkehr, von sicheren Schulwegen für Kinder bis zur Lärmbelastung durch eine Schnellstraße.
Marek Thutewohl
Also Verkehrspolitik ist ja mehr oder weniger mein Hauptthema, weil ich durch meine Fahrlehrertätigkeit tagtäglich damit konfrontiert werde. Entschuldigung, aber ich sehe das ein bisschen anders mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, weil ich beobachte, dass ca. 70-80 Prozent des Verkehrs, der über die Breite Straße läuft, einfach nur Durchgangsverkehr ist. Von Leuten, die aus Richtung Teltow, Stahnsdorf kommen und durch die Stadt Richtung Brandenburg fahren. Meine Meinung ist schon dahingehend, diese Leute möglichst nicht durch Potsdam fahren zu lassen.
Einwand Publikum: Das ist aber ein sehr subjektiver Eindruck. Die Untersuchungen sprechen da signifikant andere Zahlen...
Ja, das ist ein subjektiver Eindruck und Untersuchungen sind immer hervorragend. Ich find auch die Verkehrszählung sehr interessant und lustig, weil die anscheinend immer genau dort gemacht werden, wo gerade Verkehrssperrungen stattfinden. Wie gesagt, es ist ein subjektiver Eindruck, die Statistiken sprechen teilweise andere Zahlen. Was auf jeden Fall nicht subjektiv, sondern objektiv ist, ist dass seit 20 Jahren in Potsdam ein rigoroser Straßenrückbau im Stadtzentrum betrieben wird, ohne einen entsprechenden Ersatz zu schaffen, was eigentlich nur dazu geführt hat, dass z.B. die Yorkstraße, Dortustraße permanent verstopft sind, weil alle Auto da durch MÜSSEN, weil sie keine andere Variante mehr haben. Das Gleiche gilt für Zeppelinstraße Richtung Brandenburger Tor. Es gab mal Alternativen. Und statt drei Straßen gibt's jetzt nur noch eine einzige. Also irgendwas müsste da getan werden. Ich hab persönlich da noch keine befriedigende Lösung gefunden. Es gibt uralte Pläne aus DDR-Zeiten, die nicht durchgesetzt wurden und die nie durchgesetzt werden. Wenn wenigstens erstmal die Humboldtbrücke fertig gebaut werden würde, wäre das schon sehr hilfreich. Aber so wie's im Moment aussieht, wird die wohl bald ganz gesperrt werden.
Jens Dörschel
Die Motivation ist natürlich in erster Linie, dass man als OB die Politik in dieser Stadt verändern will und auch verändern kann. Als es vorhin hieß, der OB könne sowieso nix machen, das sehe ich ein bisschen anders. Wir leben in einer Demokratie, da ist es so, dass der OB nur einer von vielen ist, die da agieren, aber sicherlich hat er eine herausragende Rolle für die Gestaltung der Politik der Stadt. Und klar, das ist ein Amt, wenn man politisch interessiert und engagiert ist in dieser Stadt, sollte man das anstreben wollen. Das gilt auch, wie bei allen Kandidaten die hier heute sitzen, für Leute, die nur eine Außenseiterchance haben. Letztendlich wollen wir und will Marie Luise von Halem die Themen, die uns Bündnisgrüne in dieser Stadt bewegen, voran und in die Diskussion bringen und den Oberbürgermeisterwahlkampf nicht den anderen Parteien überlassen. Wenn der Wahlkampf nur zwischen Jacobs und Scharfenberg stattfinden würde, dann wäre das doch ein bisschen zu langweilig und zu einseitig. Da wollen wir Grüne auf jeden Fall mitmischen, um mit unseren Positionen zu punkten und für unsere Punkte zu werben: Umsetzung des Klimaschutzkonzeptes, Umsetzung des Fahrrad- und Verkehrswegekonzepts, eine andere Verkehrspolitik, mehr ÖPNV und weniger Straßenbau. Hier muss ich Herrn Thutewohl widersprechen und mich Herrn Boede anschließen, mit Ausnahme vom Nulltarif im ÖPNV, das sehen wir ein bisschen kritischer. Das sollte Motivation genug sein, die Politik in dieser Stadt verändern zu wollen.
Christian Schönauer
Also, erstmal vorweg: Ich bin kein Fantast. Ich weiß ganz genau, dass meine Chancen sehr gering sind. Aber, ich sehe es als Bürger dieses Landes als Verpflichtung, wenn man die Zeit und die Lust hat sich einzubringen, sollte man das tun. Ich habe in meinen Blog beschrieben, was für ein Schlendrian in dieser Stadt herrscht. Und da kommen wir wieder zu dem Punkt Bürokratie: Die ist eine einzige Katastrophe in dieser Stadt. Und wenn Sie sagen, Verkehr und Straßen, Herr Thutewohl ist Fahrlehrer, Herr Boede ist was machen Sie, wenn ich fragen darf...
Boede: Ich hab nichtmal einen Führerschein und kann auch keine Fahrzeuge lenken...
...aber was ich doch sehr betrüblich finde: Es wird zwar auf der einen Seite über Fahrradwege gesprochen, die ich wichtig finde, aber die Straßen als solche befinden sich in dieser Stadt in einem völlig desolaten Zustand. Und da sind wir wieder beim Geld. Sie hören alle Nase lang, und das ist meine Hauptintention, wir haben kein Geld, wir können nichts machen. Ich habe Ihnen eingangs gesagt, dass dieses Land so verschuldet ist, dass Ihnen die Oberen gar nicht erklären können, wie sie das ändern wollen. Ich gebe Ihnen eine Lösung dafür, wie sie es ändern können: Sie müssen in dieser Stadt mehr für den Tourismus tun! Ich weiß auch nicht, was daran schlimm ist. Wenn Sie nämlich in diese Stadt hier kommen, kommen Sie mal am Hauptbahnhof mit offenen Augen an, dann fühlen Sie sich wie in einer Kloake. Entschuldigung, ich empfinde das so. Fahren Sie in andere Städte, da finden Sie das nicht so vor. Das ist der eine Punkt. Und der andere Punkt ist, Herr Boede hat das bereits gesagt, dass es akzeptable Mietpreise gibt. Dass die Studentenschaft hier wesentlich mehr an Potsdam gebunden wird. Das sind alles Punkte, die mir wichtig sind. Also Bürokratieabbau auf der einen Seite und mehr Einnahmemöglichkeiten auf der anderen Seite.
Rückfrage Publikum: Was stört sie denn am Hauptbahnhof? In meinen Augen wirkt der sehr neu, modern; mir fallen da keine großen Kritikpunkte ein, weder am Vorder- noch am Hinterausgang. Und auch der Busbahnhof scheint doch in gutem Zustand zu sein.
Christian Schönauer
Nee, also dann gehen Sie mit verquarzten Augen durchs Leben. Ich rede nicht vom dem Bahnhofsgeschehen intern, das ist gut geführt, sauber, ordentlich, keine Frage. Wenn Sie aber am Südbereich hinten rausgehen und fragen mal den Pressesprecher der VIP [
], hab ich dieser Tage gemacht, nach dem Vandalismus, zerstörten Gläsern, rumliegendem Zeug, da wird Ihnen gesagt, da wird ja Reinigung betrieben... Und das Tollste, was ich finde, das Ihnen gesagt wird: Ja schauen Sie, wir haben seit Jahren die Problematik der Kommunikation. Hab ich gefragt: Ja was meinen Sie denn damit? Ja, sagt er, da ist einerseits die Bundespolizei gefordert, dann ist die Stadtpolizei, das Polizeipräsidium gefordert, dann ist der Bahnhof, die DB gefordert, dann ist die VIP gefordert und das Rathaus. Und da frag ich mich allen Ernstes, wie lange will man da noch diskutieren? Es kann doch nicht angehen, dass man als Bürger abends am Hauptbahnhof aussteigt, durch einen relativ gut geordneten Bahnhof durchgeht und dann vorne am Ausgang über zerbrochene Bierflaschen stolpert. Das finde ich eine Katastrophe.
Marek Thutewohl
Zur Motivation kann ich Herrn Schönauer nur zustimmen: Ich kann als Bürger nicht nur durch die Straßen gehen und rummeckern. Ich muss auch bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Ich muss Kritik immer konstruktiv anwenden, sprich: Ich muss auch in der Lage sein, Vorschläge zu machen und diese mitzutragen. Dass ich nur eine Außenseiterchance habe, darüber bin ich mir schon im Klaren. Das ist auch nicht das Problem. Aber ich möchte den Bürgern doch eine Alternative bieten zu den alteingesessenen Politikern, die dann irgendwo aus irgendwelchen fernen Gestaden hierherkommen und Oberbürgermeister werden wollen, ohne die Stadt zu kennen, geschweige denn ihre Einwohner. Da fände ich es schöner, wenn man wenigstens Potsdamer nehmen würde. Das ist so meine Hauptmotivation. Meine inhaltlichen Schwerpunkte belaufen sich auch nicht nur auf den Straßenbau, auch wenn das so durchkam. Was mich noch sehr interessiert, ist das Bildungssystem: Es fängt bei den Kindertagesstätten an, die sich teilweise in einem Extremzustand befinden. Es regnet teilweise rein in die Kindergärten, die Fenster sind undicht, die Türen sind undicht. Die Spielplätze kann man kaum noch als solche bezeichnen, die sind mittlerweile lebensgefährlich. Was die Schulen betrifft, soweit ich das mitbekommen haben, machen hier die ersten Schulen in Potsdam sechs erste Klassen auf. Mit Klassengrößen, die teilweise über die 30 hinausgehen. Das halte ich persönlich für absolut untragbar. Wie das ein Lehrer hinkriegen soll, ist mir ein Rätsel. Das sind so Sachen, die mir wirklich am Herzen liegen, da würde ich gerne unbedingt was ändern.
Lutz Boede
Warum ich kandidieren möchte... Ich interessiere mich eher für Diskussionsprozesse und streite mich auch gerne über politische Themen. Und es geht, wenn man politisch aktiv ist, natürlich immer darum, Möglichkeiten zu nutzen, seine Ideen und Konzepte vorzustellen. Wenn es hier heute schon Interesse gab an diesem partizipativen Sponsoring, was wir für die ViP [Verkehrsbetrieb Potsdam GmbH, Anm. d. Redaktion] entwickelt haben, dann hat sich das schon gelohnt, dass ich heute hier teilgenommen habe. Ansonsten ist ja eigentlich klar, dass ich nicht für die Piraten kandidieren kann und das nach der Wahlordnung ausgeschlossen ist. Wir haben ja einen eigenen Kandidaten. Ich sehe diese Veranstaltung auch eher als Versuch, mal ins Gespräch zu kommen statt als demokratisches Verfahren, einen Kandidaten aufzustellen. Letztendlich wird es ja so sein, dass Sie auf Ihrer Mitgliederversammlung Ihren Kandidaten, und ich vermute mal, das wird der Herr Thutewohl sein, aufstellen werden. Die Idee ist ja recht pfiffig, mit dem Prinzip Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist für eine junge neue Partei auch legitim. Wir haben in der Anfangszeit auch solche neuen Methoden ausprobiert, das hat durchaus meine Sympathie. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich mit dem Wunsch, Oberbürgermeister zu werden, hierhergekommen bin. Mir geht es eher um den Kommunikationsprozess, mal ins Gespräch zu kommen, sich kennenzulernen und die Gelegenheit für Diskussionen zu nutzen.
Der Stadtverband Potsdam ist einer von zurzeit sechs Kreisverbänden der Piratenpartei in Brandenburg. Er wurde im September 2009 gegründet und hat inzwischen mehr als 40 Mitglieder. Bei der Bundestagswahl 2009 haben 3.096 Potsdamer (3,5%) für die Piratenpartei gestimmt.
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Wenn auf dieser Seite von Bürgern, Kandidaten und Oberbürgermeistern geschrieben wird, sind natürlich stets weibliche und männliche Bürger, Kandidaten und Oberbürgermeister gemeint. Wir verwenden zur Vereinfachung die männliche Form und freuen uns trotzdem auf viele Nominierungen von Kandidatinnen.